Der Motor des Krankenhauses

Wer an Helden im Krankenhaus denkt, der denkt vermutlich an Ärzte und Schwestern. Doch es gibt noch eine dritte Gruppe von Angestellten, die für den Betrieb unerlässlich ist: den Patiententransport.

Es ist halb sieben, beim Betreten des Gebäudes steigt der brennende Geruch von Desinfektionsmittel in die Nase. Am Ende eines endlos scheinenden Ganges befindet sich die Garderobe, die sich der Patiententransport mit einigen Pflegern teilt. Hier streift sich Markus seine Uniform über: Eine lange weiße Hose und ein weißes Polo-Shirt. Im Winter bekommen sie außerdem eine blaue Weste. Markus arbeitet schon seit sieben Jahren im Krankenhaus Tulln im Patiententransport. Seine blaue Weste hat er noch nie getragen.

„Mit der langen Hose ist es schon heiß genug. Da muss man sich nicht noch eine Jacke anziehen.“

sagt Markus

Die Hauptaufgabe des Patiententransports besteht darin Patienten, die an ihr Bett oder einen Rollstuhl gebunden sind, zu Untersuchungen und neue Patienten auf die jeweilige Station zu bringen. Die einzelnen Stationen werden dabei möglichst gleichwertig den diensthabenden Patiententransporter zugeteilt. Außerdem sind die Mitglieder des Patiententransports für den Transfer von Blutproben und Laborergebnissen zuständig. In Ausnahmefällen werden sie auch für kleinere Botendienste, wie Essenstransport, eingesetzt.

Offiziell beginnt sein Dienst erst um sieben Uhr. Zu diesem Zeitpunkt muss Markus allerdings schon fertig angezogen im Dienstraum des Patiententransports sein. Beim Betreten des Raumes fällt unter Markus‘ Kollegen ein Mann besonders auf. Dunkle Augenringe prägen sein Gesicht und er zeigt keine Anteilnahme an den Vorbereitungen für den heutigen Arbeitstag. Josef ist gerade am Ende seiner Schicht. Er ist kurz davor seinen zwölfstündigen Nachtdienst zu beenden.

„Mir ist es lieber in der Nacht zu arbeiten. Da ist es viel ruhiger und man hat auch nicht so einen Stress wie am Tag.“

sagt Josef

Es gibt drei verschiedene Dienstarten beim Patiententransport: sechs-, neun-, und zwölf-stündige. Pro Tag gibt es zwei Patiententransporter, die den zwölfstündigen Dienst, den sogenannten Hauptdienst, haben. Sie übernehmen auch die meisten Stationen.

Markus ist heute einer von ihnen. Pünktlich um sieben Uhr schalten er und seine Kollegen ihre Diensthandys ein. Doch noch geben sie keinen Ton ab. Auch die ÄrztInnen und PflegerInnen der Bettenstationen und Untersuchungsräume beginnen ihren Dienst nämlich erst um sieben Uhr. Anschließend dauert es 15 bis 20 Minuten bis die ersten Patienten angefordert werden. Der sonst mit Gesprächen gefüllte Dienstraum verfällt in vollkommene Stille. Was nun folgt ist ein angespanntes Warten auf den ersten Anruf.

Das hohe elektronische Geräusch zerschneidet die Stille. Ein Zivildiener verzieht das Gesicht. Es ist sein Diensthandy, das die nervtötenden Geräusche von sich gibt. Es dauert allerdings nicht lange, bis die anderen Handys folgen. Der Patiententransport des Krankenhauses Tulln ist stark unterbesetzt. Das führt dazu, dass die vorhandenen Mitarbeiter umso mehr Verantwortung tragen und weitere Wege zurücklegen müssen. Ein Halbmarathon ist keine Seltenheit an einem durchschnittlichen Arbeitstag.

„Wir messen ab und zu mit einer Lauf-App nach. Der Rekord liegt bei 28 Kilometern, aber mindestens 16 sind es immer.“

sagt Philipp (Zivildiener)

Der Patiententransport ist eine Berufsgruppe, die noch nicht vollständig etabliert ist. Es gibt keine spezielle Ausbildung. Die meisten hauptberuflichen Patiententransporter haben eine oder mehrere andere Ausbildungen im Krankenhausbereich. Markus ist OP-Assistent. Das einzige Problem: er kann kein Blut sehen. Die Ausbildung hat er trotzdem irgendwie geschafft. Seitdem ist er allerdings nie wieder in einem OP-Saal gestanden. Patiententransporter können aber auch aus Bereichen wie der Haustechnik stammen. Die einzig nötige Qualifikation ist ein 16-stündiger Erste Hilfe Kurs.

Es ist jetzt 14 Uhr. Bis auf ein paar kurze Pausen war Markus den ganzen Tag im Haus unterwegs. Die Kantine hat seit zwölf Uhr geöffnet, aber da man als Patiententransporter immer abrufbereit sein muss, hatte Markus bis jetzt noch keine Zeit für sein Mittagessen. Der Speisesaal ist mit Gesprächen, Essgeräuschen und verschiedensten Düften gefüllt. Nachdem Markus sich seine Mahlzeit geholt hat, setzt er sich zu einigen Kollegen der Röntgenstation. Gerade als er mit dem Essen beginnen möchte, hört er ein nur allzu vertrautes Geräusch. Erschrocken schaut Markus auf sein Diensthandy, nur um kurz darauf beruhigt weiter zu essen. Einer der Radiologen an seinem Tisch ist der Pechvogel.

„Ich finde es eine absolute Frechheit, dass wir keine geregelten Pausen haben. Überall anders bringen sie es ja auch zusammen. Ich hab seit Jahren nicht mehr entspannt Mittagessen können, weil ich immer das Handy im Hinterkopf hab.“

sagt Markus

Kurz nach dem Mittagessen klingelt Markus‘ Handy auch schon wieder. Es ist der Anruf, vor dem er sich schon den ganzen Tag fürchtet: der Augenarzt. Ärzte mit fachspezifischen Kenntnissen, wie HNO oder Augenarzt, sind nicht permanent im Krankenhaus Tulln anwesend. Sie arbeiten an ausgewählten Tagen und auch nur für einen begrenzten Zeitraum. Darum müssen in dieser Zeit alle Patienten, die diesen Arzt benötigen, zu seinem Untersuchungszimmer gebracht werden. Oft handelt es sich hierbei um über 20 Leute. Die Patienten, die bereits untersucht wurden, müssen zudem wieder zurück auf ihre Station gebracht werden. Dadurch ergibt sich ein ständiges Hin und Her zwischen Untersuchungszimmer und Bettenstation.

Markus hat Glück. Die Kollegen vom Neunstunden-Dienst sind noch da. Zu viert schaffen sie es, den Großteil der Patienten rasch zum Augenarzt zu bringen. Pünktlich um 16 Uhr verabschieden sich die Kollegen. Nun liegt es an Markus und dem zweiten Hauptdienst, die letzten Patienten zur Untersuchung und alle Patienten anschließend auf die Station zurück zu bringen. Erst nach fast zwei Stunden sind sie endlich fertig.

„Das war ja gar nicht so schlimm. Aber manchmal kommt der Augenarzt auch noch später, weil er etwas Wichtiges in der Praxis zu tun hat. Und dann ist keiner mehr da zum Helfen.“

sagt Markus

Die letzte halbe Stunde ihres Dienstes verbringen Markus und sein Kollege im Aufenthaltsraum. Auf die Frage, was der Patiententransport für ihn bedeutet, bekommt man von Markus eine poetisch klingende Antwort.

„Es ist nicht der spannendste Job auf der Welt und auch definitiv nicht der bestbezahlteste. Aber es ist ein wichtiger Job und irgendwer muss ihn machen. Außerdem hat er auch seine schönen Seiten. Man lernt viele Leute kennen und kann ihren Aufenthalt vielleicht ein bisschen schöner gestalten und seinen Teil zu ihrer Genesung beitragen.“

sagt Markus

19 Uhr: endlich kann Markus sein Diensthandy ausschalten. Es war ein anstrengender Tag. Beim Verlassen des Raumes erscheint ein bekanntes Gesicht. Josef hat den halben Tag mit Schlafen verbracht, damit er die Nacht wieder durchhält. Nach einem Spaziergang durch den endlos scheinenden Gang und dem schnellen Duschen in der Umkleide, kann Markus das Krankenhaus endlich verlassen. Gerade als er zum Eingang kommt, blickt er erschrocken zurück.

Ein hohes elektronisches Geräusch kommt vom Warteraum. Gefolgt von leisen Flüchen Josefs.

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